Interview AHV NRW Magazin 2017

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WIR! - die „neuen“ Fotografen

Teil 2: Maarten Rots aus den Niederlanden

Text: Joop van Reeken und Verena Winter | September 2017

Im zweiten Teil des Artikels zum Thema „Wir! – die neuen Fotografen“ werfen wir einen Blick in die benachbarten Niederlande. Wie geht es einem jungen Fotogra­fen, der an der deutsch-niederländischen Grenze aufgewachsen ist und sich der Fotografie verschrieben hat? Gehen niederländische Fotografen anders mit der Di­gitalisierung der Fotografie um? Und wie sieht der Beruf „Fotograf“, vor allem im künstlerischen Bereich, dort heute aus? Nach Daniel Fort sprachen wir mit Maar­ten Rots.

Joop van Reeken: Können Sie uns etwas über Ihren Hintergrund als Fotograf und Ihr fo­tografisches Werk erzählen?

Maarten Rots: Ich wurde 1982 in Aalten, in einem Dorf in den östlichen Niederlanden an der Deutsch-Niederländischen Grenze, geboren und bin auch dort aufgewachsen. In Amsterdam, wo ich 2010 mein Studium an der Gerrit Rietveld Academie, einer Kunstakade­mie, abgeschlossen habe, wohne und arbeite ich derzeit. Inzwischen unterrichte ich auch an dieser Akademie. Selbst sehe ich mich als einen „Fulltime-Künstler der Bildenden Kunst mit einer Kamera um den Hals“.

Von Kindes Beinen an habe ich die Fotografie interessant gefunden. Zu meinem 8. Geburts­tag erhielt ich die alte Kodak Instamatic Camera meiner Mutter. So ein Plastikkistchen, worin man Filmkassetten einlegte und oben Blitzwürfel hineinstecken konnte. Damals schon habe ich gerne fotografiert, aber eine Ambition hatte ich dafür noch nicht entwi­ckelt. Zirka sechs Jahre später kaufte ich zusammen mit meinem Vater eine gebrauchte Pentax Spiegelreflexkamera, womit ich eine Zeit lang Bilder machte. Und während meines Studiums am Grafisch Lyceum in Utrecht habe ich einige Stunden in der Dunkelkammer zugebracht. Nachdem ich 2004 das Studium dort abgeschlossen hatte, erstand ich meine erste digitale Spiegelreflexkamera. Durch das direkte Feedback anhand des sofort auf dem Display der Kamera gezeigten Bildes bekam ich die Technik besser in den Griff. Außerdem war es fantastisch, so unbegrenzt fotografieren zu können. Und zudem fielen die Kosten für Entwicklung und Druck weg.

Es waren dann auch Fotos, die ich mit dieser Kamera gemacht habe, die mir die Aufnahme an die Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam ermöglichten. Dort entschied ich mich für die Audiovisuelle Abteilung (VAV), wo ich sehr viele Videoarbeiten realisiert habe. Zwar foto­grafierte ich weiterhin, aber hauptsächlich, um meine anderen Projekte zu dokumentieren. Das Foto als künstlerisches Endprodukt spielte damals noch keine große Rolle.

Nach dem Abschluss in 2010 war ich eine Zeit lang mit „gefundener Fotografie” beschäftigt. Ich kreierte mit Hilfe zufällig gefundener Dias Kunstwerke und Installationen. Durch diese Arbeiten wurde meine Liebe für die Fotografie erneut wachgerufen. So entwickelte sich letztendlich ein starkes Bedürfnis, die Welt um mich herum in „unbewegten“ Bildern fest zu halten. Man kann sagen, dass sich meine Fotografie durch das Ausleuchten von Abstraktionen kennzeichnet, die ich in der Wirklichkeit finde. Meine Fotos sind mehrschichtig.

Joop van Reeken: Können Sie uns Ihre Faszination für die Fotografie noch etwas näher erläutern?

Maarten Rots: Durch das Fotografieren sehe ich die Wirklichkeit im wahrsten Sinne des Wortes „durch die Linse“. Die Kamera ermöglicht mir, die Wirklichkeit zu isolieren, einzukei­len und ihr auf diese Weise einen neuen Kontext zu geben. Ich finde es unglaublich faszi­nierend, abstrakte Eigenschaften im alltäglichen Leben zu entdecken und festzuhalten. Die Suche nach einem Thema ist für mich mindestens genauso wichtig, wie das fotografische Endresultat. Das Finden und Festhalten eines solchen Bildes versetzt mich in Euphorie.

Auf diese Weise verwirkliche ich regelmäßig Projekte, bei denen der Prozess selbst schon wichtig ist. Zum Beispiel mein Projekt Siting: Hier fotografiere ich eine Woche lang innerhalb eines Radius von einer Meile, um im direkten Anschluss die Resultate in einem Ausstellungsraum, der sich im Zentrum die­ses Zirkels befindet, auszustellen. Dadurch setze ich mich selbst unter Druck, um das Äußerste zu erlangen. Auf diese Weise kreiere ich oft die Basis für eine neue Richtung in meinem Werk.

Ich finde es auch spannend, transparente und reflektierende Oberflächen, die ich einfach in meiner Umgebung zufällig finde, zu verwenden und mit einem Klick gleich mehrere Facetten festzuhalten, um so ein Bild aus Schichten zu schaffen. Dadurch entsteht eine eigene Ablichtung der Wirklichkeit. Dem Auf­bau meiner Kompositionen liegt meine Vorliebe für grafische Formen deutlich zugrunde: Linien und architektonische Formen spielen darin die Hauptrollen.

Joop van Reeken: Welche Fotografen haben auf Ihre Entwicklung Einfluss gehabt bzw. welche Fotografen bewundern Sie?

Maarten Rots: In meiner Kindheit gab es zu Hause nur ein Fotografiebuch: Das Buch „Hallo“ von dem berühmten niederländischen Street Photographer Ed van der Elsken. Wann immer ich konnte, durchblätterte ich das Buch. Und obwohl mein fotografischer Stil nicht mit dem Werk von van der Elsken zu vergleichen ist, sehe ich doch deutliche Ähnlichkeiten zwischen meiner und seiner Arbeitsweise: Einfach hinausgehen, um besondere Momente mit der Kamera fest zu halten.

Den amerikanischen Fotografen Saul Leiter entdeckte ich erst später. Er ließ mich erkennen, dass die Wirklichkeit auf eigene Art und Weise fotografiert wer­den kann, ohne in die Trickkiste greifen zu müssen.

Joop van Reeken: Gibt es derzeit wichtige Trends in der Fotografie und wie sehen Sie die enorme Zunahme an Bildern via Internet und Social Media?

Maarten Rots: Schaut man auf die Fotografie als Kunstform, dann lässt sich ein vermehr­tes Interesse für ein gut unterbautes Gesamtkonzept feststellen. Dadurch unterscheidet man sich als Künstler. War früher Technik ausschlaggebend, sieht man diese immer mehr im Hintergrund verschwinden, während eine klare Vision bedeutender wird.

Ich denke, dass die Fotografie in vielerlei Hinsicht mit dem Schreiben verglichen werden kann. Praktisch jedem steht ein Stift zur Verfügung, mit dem er schreiben kann, aber es gibt nur wenige Menschen, die einen erfolgreichen Roman verfasst haben. Die meisten Leute streben nicht danach, sondern verwenden den Stift aus prakti­schen und alltäglichen Gründen, um eben Notizen zu machen. Der menschliche Trieb, Dinge fest zu halten und zu teilen, ist uralt und hat durch die Fotografie eine neue Möglichkeit erhalten, dies zum Ausdruck zu bringen.

Es ist heute einfacher denn je, mit anderen sein Schaffen zu teilen und neue Künstler zu entdecken und in deren Entwicklungen zu verfolgen. Ergo macht man gerne Gebrauch von Instagram und Pinterest – auch um Kontakte herzustellen zwischen Publikum und Künstler.

Joop van Reeken: Im Allgemeinen ist es als Künstler oder als Fo­tograf nicht so einfach, seinen Kopf über Wasser zu halten. Wie ver­kaufen Sie Ihre Bilder und wie machen Sie auf Ihr Werk aufmerksam?

Maarten Rots: Am liebsten arbeite ich im Auftrag für Firmen. Meine Art Foto­grafie eignet sich gut für große Formate und für die Verwendung in einem ge­schäftlichen Umfeld. Derzeit profilieren sich viele Unternehmen sozusagen als Botschafter von Kunst und Kultur. Ich persönlich sehe dabei gute Chancen für eine Zusammenarbeit, um mein Werk bekannt zu machen. Auf diese Weise habe ich letztes Jahr in Zusammenar­beit mit der ING Bank eine auf die Ört­lichkeit zugeschnittene Wandinstalla­tion mit Fotos und Videos in einer der Bankfilialen realisiert.

Im Allgemeinen haben Betriebe oft ein Budget speziell für Kunst. Damit verbun­den sind auch Steuervorteile, um in die Kunst zu investieren. Privatpersonen finden es oft schwer, ein großformatiges Kunstwerk zu kaufen.

Außerdem habe ich in Amsterdam eine Galerie, die regelmäßig meine Arbeiten auf internationalen Kunstmessen zeigt. Und ich publiziere alle drei Monate March & Rock, ein eigenes Fotogra­fie-Magazin, das meinem fotografischen Werk eine Plattform bietet.

Joop van Reeken: Wird Fotografie nach ihrem Wert geschätzt?

Maarten Rots: Letztendlich sind Intention und Vision bestim­mend. Wie setzt man neue Möglichkeiten ein? Ein neues Bild be­deutet nicht unbedingt eine gute Arbeit. Es geht darum, was man als Künstler erzählen will und ob man die eigene Faszination und Erforschung im Werk sichtbar machen kann. Hier spielen Zeit und Engagement eine wichtige Rolle. In jedem Moment, der mir zur Verfügung steht, beschäftige ich mich mit meinen Bildern. Ich fotografiere, selektiere und gebe dem Bild einen Bezugsrahmen. Wie wird das Foto gedruckt und wie präsentiere ich es? Alle diese Facetten zusammen heben das ganze Projekt auf ein höheres Ni­veau. Für jedes Foto, welches die Außenwelt zu sehen bekommt, wurden von mir zig Bilder verworfen.

Joop van Reeken: Heutzutage hört man oft genug, dass Dank der digitalen Technik und der Smartphones jeder gut fotografieren könne?

Maarten Rots: Ich denke schon, dass die digitale Fotografie das Lerndiagramm verändert hat. Musste man früher auf das Ergebnis warten, analysiert man heute direkt das Bild auf dem Kameradis­play. Dadurch bekommt man auch die Technik besser in den Griff. Je besser man seine Kamera kennt, desto schneller erhält man das gewünschte Resultat. Das gilt für jeden Beruf. Schließlich geht es darum, was man mit seinem Werkzeug macht und welches Resultat der eigene Einsatz erbringt.

Joop van Reeken: Inwiefern kommt für Sie das Ausland als Markt in Frage? Sind Sie im Ausland tätig?

Maarten Rots: Eine neue Umgebung gibt mir Inspiration und spornt mich enorm an. Folglich reise ich viel durch Europa, um zu fotografieren und neue Projekte anzugehen, ob mit oder ohne Auftrag. Mein Magazin March & Rock ver­kaufe ich über meine Website, wodurch ich viele Abonnenten im Ausland habe. Ebenso liegt das Magazin in verschiede­nen Bücherfachgeschäften in ganz Eu­ropa aus. Außerdem ist mein Werk auf vielen internationalen Kunstveranstal­tungen ausgestellt, wie zum Beispiel in Japan, China und in den USA.

Joop van Reeken: Wie sehen Sie Ihre eigene Zukunft als Fotograf?

Maarten Rots: Auf das, was ich bisher erreicht habe, bin ich stolz. Ich hoffe, den Weg meiner Entwicklung weiterhin so gezielt gehen und meine fotografischen Arbeiten einem größeren Publikum nahe bringen zu können. Für 2018 und 2019 sind bereits ein paar schöne Ausstellungen und Projekte in Planung, aber ich habe noch Raum für andere Vorhaben. So möchte ich gerne mehr Pro­jekte bzw. besondere Fotografiekonzepte in Zusammenarbeit mit Unternehmen angehen und verwirklichen. Sollte jemand daran In­teresse haben, bitte nicht zögern, mit mir in Kontakt zu treten und zu besprechen, welche Möglichkeiten bestehen.

Joop van Reeken: Wir danken für das Gespräch und wünschen weiterhin viel Erfolg.

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